"Hände weg von fremden Päckchen"
von Chris Bienert


Taschenbuch
Format 14,8x21cm
(Format für viel Text auf wenig Seiten)
164 Seiten,
ehemaliger
Preis: 9,90 €

Der Schmöker Verlag, in dem das Buch seinerzeit erschienen ist, besteht nicht mehr. Einige vergünstigte Restexemplare sind noch über mich erhältlich.

Infos/Kontakt:

E-Mail: cdd.bienert@t-online.de

Mitten in der Nacht werden die Übersetzerin Simone Gerber und ihre zehnjährige Nichte Micky von ihrer verwöhnten Freundin Laura geweckt. Ausgerechnet Dominic, Simones Cousin, hat Laura eine wertvolle Kette gestohlen. Um den Diebstahl aufzuklären, fahren sie zu dritt von Hannover aus mit dem Auto Richtung Mailand, wo Dominic mit einem Freund eine Boutique betreibt. Unterwegs treffen sie an einer Raststätte auf den hilfsbereiten, aber undurchsichtigen Daniel, dessen Freund nach einem Streit ohne ihn weitergefahren ist. Gegen Simones Willen nimmt ihn Laura mit. Durch ein heimlich mitgehörtes Telefongespräch misstrauisch geworden, durchsucht Simone sein Gepäck und findet neben einer Pistole auch ein ominöses Päckchen. Als es Simone endlich gelingt, dieses zu öffnen, fangen ihre Probleme erst richtig an ...

 

Eine Mischung aus Roadstory, Krimi und Liebesgeschichte, die nicht nur Urlaubstage aufhellt 

Textprobe

One    Eins

»Ohne die verdammte Halskette brauche ich meiner alten Dame nicht mehr unter die Augen zu treten. – Bitte, Mone, tue etwas«, flehte Laura mich aufgebracht mitten in der Nacht an.

Ich tat etwas. Schlaftrunken taumelte ich zu meiner Couch im Wohnzimmer, die ich über eine Annonce aus zweiter Hand billig erstanden hatte, und lümmelte mich gegen die Lehne. Das kalte Leder des Bezuges kühlte meinen Ärger über Lauras Überfall nur geringfügig ab.

»Hast du mir überhaupt zugehört?«, fuhr sie mich an, als ich es mir auf der Couch bequem machte und meine Beine anzog, um meine Schlafposition wieder einzunehmen.

Ich hatte nichts überhört: weder ihr Klingelkonzert an der Haustür, das mich aus meinen tiefsten Träumen geweckt hatte, noch ihr Problem, das sie mir mehrfach ins Ohr gebrüllt hatte, als ob ich taub wäre.

»Dein mieser Cousin Dominic hat die Diamantkette meiner Mutter geklaut und ist damit abgehauen. Ich muss sie zurück haben, sonst macht meine alte Dame Hackfleisch aus mir.«

Ich hangelte nach einem der sechs knallbunten Kissen, die ich auf der dunklen Ledercouch wahllos drapiert hatte. Ohne die Kissen hätte die Couch zerschlissen und altmodisch ausgesehen. Mit den Kissen als Farbflecken war sie durchaus ansehnlich.

»Das gibt es doch nicht. Simone, wach endlich auf. Mein Leben liegt in Trümmern und du willst weiterschlafen.«

Energisch rüttelte sie an mir, um mich an einer meiner liebsten Tätigkeiten zu hindern. Unwillkürlich kam mir ein Satz der Krimi-Übersetzung in den Sinn, an der ich bis vor eineinhalb Stunden gearbeitet hatte und die mich mit ihrer spannungsgeladenen Geschichte Kapitel für Kapitel mehr in ihren Bann zog:
 

All of a sudden he put the scarf around her neck and pulled it tight. Now she would have to stop screaming. –  Blitzschnell legte er den Schal um ihren Hals und zog zu. Jetzt würde sie nicht mehr schreien.
 

Das wäre eine Möglichkeit, Laura zum Schweigen zu bringen. Doch als zivilisierte Übersetzerin, die allenfalls durch Geschichten in die Abgründe krimineller Fantasiegestalten schaute, zog ich eine andere Alternative vor.

»Ich habe keine Lust, mir jetzt um ...«, ich blinzelte verstohlen zu meiner Wohnzimmeruhr, die die Form einer überdimensionalen Armbanduhr hatte, »... zwei Uhr dreiundvierzig ...,  ich wiederhole, zwei Uhr dreiundvierzig, deine Probleme anzuhören, die du dir selbst zuzuschreiben hast. Im Gegensatz zu dir habe ich bis vor kurzem gearbeitet. Also lass mich jetzt schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.«

Ich brüllte dies nicht gerade, doch leise war meine Stimme keinesfalls. Laura starrte mich verwundert an. In der Regel galt ich als sanftmütig und phlegmatisch. Nur meine engere Familie wusste, dass ich zuweilen zur Unberechenbarkeit neigte. Diese hatte Laura in den drei Jahren unserer Freundschaft bisher nicht an mir kennen gelernt. Ich bettete meinen Kopf zufrieden auf eins der Kissen. Es tat gut, meinem Ärger Luft gemacht zu haben. Leider war ich jetzt hellwach, Schönheitsschlaf ade.

»Tut mir leid«, meinte Laura zerknirscht. »Aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Du kennst doch meine alte Dame.«
Sicher kannte ich ihre Mutter Elke Behring. Sie gehörte zu den Klienten meines Bruders Niels und meiner Schwägerin Caroline, die gemeinsam eine Steuerkanzlei im Erdgeschoss unseres Hauses betrieben. Um meine Finanzen aufzubessern, half ich dort öfter aus und hatte miterlebt, wie sie einem Orkan gleich in die Büroräume gestürmt war.  Beschimpfungen wie Idiot oder Stümper waren noch die harmloseren Bezeichnungen gewesen, mit denen sie meinen Bruder überhäuft hatte, weil knappe hundert Euro mehr Steuern fällig gewesen waren, als mein Bruder ihr prophezeit hatte. Nicht, dass sie das sonderlich getroffen hätte. Die Familie Behring besaß reichlich Geld zum Ausgeben. Nein, es war ihr lediglich ums Prinzip gegangen, anderen einen Fehler unter die Nase zu reiben. Sie war die unfehlbare Herrscherin über mehrere Lederwarenläden, die ihr und Laura den Lebensunterhalt sicherten. Einen Ehemann gab es nicht mehr in ihrem Leben. Den hatte sie vor Jahren aus der Familienvilla herausgeworfen. Wahrscheinlich befürchtete Laura ähnliche Unannehmlichkeiten, falls der Schmuck nicht wieder in ihren Besitz gelangte.

»Wieso konnte Dominic ihre Halskette stehlen?«, versuchte ich den Hintergrund von Lauras Geschichte zu ergründen. »Wir waren vorher in der Oper. Und weil ich topp aussehen wollte, hatte ich mir passend zum schwarzen Mini die kurze Diamantkette meiner alten Dame umgelegt. Ich leihe mir oft ihren Schmuck. Dagegen hat sie nichts einzuwenden, solange ich ihn unversehrt zurücklege. Wenn sie jedoch erfährt ...«

»Ja, ja, das habe ich mitbekommen«, unterbrach ich sie, denn mir kam Lauras Schusseligkeit in den Sinn. »Bist du sicher, dass du sie nicht zufällig irgendwo verlegt hast?«

»Glaubst du, ich wäre um diese Zeit hierher gekommen, wenn es anders wäre? Er hat mir sogar diesen Zettel hinterlassen.« Sie zog ein zerknittertes Stück Papier aus ihrer Jackentasche und las laut vor: »Leider kann ich nicht auf Dauer dein Traumprinz sein, so schön es auch mit uns war. Ich brauche meine Freiheit. Du wirst mir immer unvergesslich sein, schönste Laura. Deine Kette als Andenken wird mich für alle Zeit an dich erinnern, Dominic.«

»Das klingt eher, als hättest du sie ihm geschenkt«, wagte ich zu bemerken und erntete dafür einen eisigen Blick.

»Ich würde nie Dinge verschenken, die meiner alten Dame gehören. Niemals! Ich habe sie abgelegt, weil ich mich nach der Oper für ihn in mein verführerischtes Outfit hüllen wollte. Er gefiel mir eben. Doch als ich aus dem Ankleidezimmer kam, war er verschwunden und die Kette mit ihm.«

Ich wusste nicht, ob ich sie bedauern sollte. Einerseits war sie meine Freundin und den Ärger mit ihrer Mutter hätte ich ihr gern erspart. Anderseits schlich sich ein winziger Stachel der Eifersucht bei mir ein. Dominic war schon immer mein heimlicher Schwarm gewesen. Mit vierzehn hatte ich mich unsterblich in ihn verliebt. Sogar bis zu einem Zungenkuss hatten wir es damals gebracht. Mehr war leider nicht daraus geworden, nachdem seine neugierige Zungenspitze an meiner hinterhältigen Zahnspange hängen geblieben war. Zwar hatte ich ihm später bei Familienfeiern hingebungsvoll lächelnd meine gerichteten Zähne präsentiert, doch als ich ihn schließlich mit einer Referendarin meines Gymnasiums Händchen halten sah, hatte meine junge Liebe ein jähes Ende gefunden. Nach zwei erfolglosen Abiturversuchen war er als Diskjockey nach München gegangen und wir waren uns nicht mehr begegnet. Dort hatte ihn schließlich eine Fotografin als Model für Modekataloge entdeckt. Sein Traum vom großen Reichtum und weltweitem Ruhm als Starmodel war nicht in Erfüllung gegangen. Nun betrieb er in Mailand mit einem italienischen Freund eine Boutique. Zumindest behauptete er dies. Bei Dominic wusste man nie, ob das, was er sagte, auch stimmte.

Als er vor ein paar Tagen überraschend bei mir zu Hause aufgetaucht war, hatte ich mich ehrlich gefreut, ihn wiederzusehen. Eigentlich hatte er seine Eltern überraschen wollen, die ohne sein Wissen gerade Urlaub bei meinen in Spanien lebenden Eltern machten. So war ich ihm eingefallen. Nur zu gern hätte ich den Nachmittag mit ihm allein verbracht. Seit meiner Trennung von meinem langjährigen Freund Holger vor einigen Monaten, war mein Liebesleben etwas ins Abseits geraten. Außerdem war Dominic nicht nur ein charmanter Typ, sondern sah mit seinen dreißig Jahren einfach traumhaft aus: Seine grün schimmernden Augen erinnerten an einen sonnendurchfluteten See und hatten etwas Tiefgründiges. Das kantige Kinn mit dem Grübchen hätte von Michael Douglas kopiert sein können. Die dunklen, leicht gewellten Haare trug er völlig unmodisch bis auf die Schultern, doch verliehen sie ihm eine gewisse Sanftheit. Dazu im Widerspruch stand sein durchtrainierter Körper, der pure Männlichkeit verhieß. Kurz, er war der Typ Mann, bei dem frau gern eine kleine Affäre riskierte.

Doch ausgerechnet an diesem Nachmittag war Laura vorbeigekommen. Sie hatte Dominic wie ein Weltwunder angestarrt, er hatte sie ebenfalls mit Blicken verschlungen. Damit hatten sich meine Chancen, sein männliches Interesse für ein paar Stunden auf mich lenken zu können, in Luft aufgelöst. Laura war nicht nur finanziell erheblich besser ausgestattet, sie gehörte auch noch zu den blonden, langmähnigen, gut gepolsterten und hochgewachsenen Barbie-Schönheiten, mit langen, schlanken Beinen, für die sich Männer allen Alters den Hals verrenkten.

Ich dagegen war klein, hatte kurze Beine, passte über der Hüfte in keine 36-iger Größe hinein, obwohl meine Oberweite dies ohne weiteres mitgemacht hätte. Mein Gesicht fand ich einigermaßen gelungen. Leider brachte meine kleine Knubbelnase meine ebenmäßigen Züge leicht durcheinander. Vielleicht hätte ich mehr Männerblicke auf mich lenken können, wenn ich meine braunen Haare hätte lang wachsen lassen. Aber ich liebte das Praktische, also trug ich sie modisch kurz.

»Ich hatte dich vor Dominic gewarnt, Laura. Er ist das schwarze Schaf in unserer Familie.«

»Ich liebe schwarze Schafe. Die sind viel interessanter als andere Männer«, erklärte sie enthusiastisch.

»Dann musst du dich auch nicht wundern, wenn so etwas passiert.«

»Ich konnte doch nicht ahnen, dass er ein Dieb ist. Davon hast du nichts gesagt«, empörte sich Laura.

»Das ist über zehn Jahre her. Damals ist er in eine Clique geraten, die Stehlen als Mutprobe ansah. Von denen hat er sich seit langem losgesagt. Jedenfalls hat er mir das erzählt.«

»Und das erfahre ich erst jetzt? Warum hast du mir das nicht vor zwei Tagen gesagt? Nie und nimmer hätte ich ihn mit zu mir genommen. Nie und nimmer!« Laura war nun eindeutig sauer auf mich.

»Moment mal, du hast mich angefleht, ihn dir zu überlassen, weil er der Mann deiner Träume sein könnte. Du wusstest, dass er mich um Geld angepumpt hatte. Meine Warnungen waren dir offenbar egal«, rechtfertigte ich mich.

Ich hatte ihr geraten vorsichtig zu sein, da er prinzipiell nichts zurückzahlen würde. An einen Diebstahl hatte ich freilich nicht gedacht.

»Ach, hätte ich dich bloß nicht besucht. Dann wäre die Diamantkette, die mein Vater meiner Mutter geschenkt hat, als sie ihn noch angebetet hat, nicht geklaut worden«, lamentierte sie. »Meine Mutter hängt an dieser Kette. Auch sie hat ihre sentimentalen Seiten. – Ich muss die Kette unbedingt zurückhaben, bevor meine Mutter alles rausbekommt. Lass uns sofort nach Mailand fahren. Wenn ich meiner Mutter sage, ich würde die Kette in den Urlaub mitnehmen, wird sie sie in den nächsten Tagen nicht vermissen. Wir überraschen Dominic, stellen ihn zur Rede, kassieren die Kette und fahren zurück.«

»Du willst wegen der Kette extra nach Mailand?«

»Glaubst du, Dominic würde sie zurückbringen, wenn ich ihn anrufe?«

Ich schüttelte den Kopf. Garantiert würde sich Dominic irgendeine Ausrede einfallen lassen, und die Kette würde nie bei Laura ankommen. Den Überraschungsmoment auszunutzen, wie Laura vorschlug, wäre bei ihm die bessere Taktik. Außerdem hatte ich seine Telefonnummer nicht.

»Die Frage ist, ob er die Kette nicht schon verkauft hat. Er scheint knapp bei Kasse zu sein.«

»Bestimmt nicht. Ich hatte ihm Geld geliehen. Die Kette wollte er als Erinnerung an mich«, verteidigte Laura ihn und wedelte mit seinem Zettel herum, den sie fest in der Hand hielt.

Ich betrachtete Laura mitleidig. »Niels hält ihn für einen Frauen betörenden Schmarotzer. Sein Vater hat ihn vor Jahren einen verlogenen Taugenichts genannt. Bei der Staatsanwaltschaft ist er als Jugenddieb aktenkundig. Glaubst du ernsthaft, er würde eine wertvolle Diamantkette als Erinnerungsstück behalten?«

»Ich weiß nicht, wie wertvoll die Kette ist. Mit Schmuck kenne ich mich nicht aus. Aber meine Mutter macht uns alle fertig, wenn sie sie nicht zurückbekommt.«

»Uns alle?«

»Sicher. Dich und natürlich auch deinen Bruder. Sie wird sich einen neuen Steuerberater suchen und überall erzählen, Niels Gerber hätte einen Dieb in seiner Verwandtschaft. Das wird deinen Bruder einige gut zahlende Klienten kosten.«
Derartige Gemeinheiten waren Elke Behring durchaus zuzutrauen.

»Niels kann doch nichts dafür«, empörte ich mich.

»Das wird meine Mutter nicht interessieren. – Bitte, Mone, hilf mir. Lass uns gleich morgen früh nach Mailand fahren. Domenic wird die Kette nicht verkauft haben.«  . . .

sign_attention.gif ©  Alle gezeigten Fotos sind  urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Zustimmung der Fotografin kopiert, vervielfältigt, veröffentlicht oder in anderer Form für private oder gewerbliche Zwecke genutzt werden.

Startseite

Über mich

Autorin

Foto & Kunst

Termine

Links

Impressum

 Copyright © 12/2012 Christine Bienert. Alle Rechte vorbehalten